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Nächster Infoabend 14.11.2017
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Ein Tag im Leben von Julius (7 Jahre)

Ich heiße Julius (Name geändert), bin sieben Jahre alt, gehe in die erste Klasse und wohne seit vier Jahren bei meiner Pflegemama Ulla (Name geändert).

Es ist Montag. Mama ruft mich: „Hallo Spätzlein, guten Morgen, Zeit zum Aufstehen!“ Ich verkrieche mich unter der Decke.  Kurz darauf strecke ich den Kopf heraus: „Mama kann ich etwas Süßes?“ „Doch nicht vor dem Frühstück.“ „Dann wenigstens Fernsehen!“ „Nein, komm doch Frühstücken!“  „Blöde Mama, ich ziehe morgen aus. Ich suche mir eine Mama, wo ich Süßigkeiten bekomme und Fernsehen darf!“ Mama schreit nicht, anscheinend hat sie gut geschlafen, manchmal wird sie bei so einem Spruch von mir wütend. Sie sagt dann, dass das verletzend sei und dass sie nur mein Bestes wolle und so was.

Tatsächlich bin ich gelassen, da er noch vor zwei Jahren bei einem „Nein“ bitterlich geweint, mich getreten oder mit Bausteinen geschmissen hätte. Da ist so ein verbaler Gewaltakt doch schon ein Fortschritt. Außerdem bin ich ruhiger, da ich übermorgen ein Elterngespräch bei seinem Therapeuten habe. Er sagt, die Aggressionen müssen raus, bis Julius lange genug „den Täter“ gespielt habe, der alle Menschen beherrscht, sie vernichten und wieder lebendig machen kann. So wie er wahrscheinlich die Vernachlässigung und Gewalt in seiner Kindheit erlebt hat.

Er bestätigt mich in meinem Empfinden, dass das pädagogische Eingreifen eine schwierige Gratwanderung zwischen „mildernden Umständen“ ist, da er für das Aggressionspotential nicht ursprünglich verantwortlich zu machen ist, aber lernen muss, seine Aggressionen zu kontrollieren. Das ist anstrengend, zumal er jeden Tag die Grenzen erneut auf ihre Verlässlichkeit hin überprüft. Aber vor allem nerven mich die Eltern von Spielkameraden, die meinen, in meinem Beisein mit meinem Kind schimpfen zu müssen, da ich nicht hart genug sei. Ich könnte ihnen ins Gesicht springen, tue es aber nicht, finde die Welt ungerecht und schlafe nachts schlecht. Zumal ich keinen Partner habe, der mit mir die Verantwortung teilt, aber viele gute Freunde, mit denen ich oft abends telefoniere. Zum Glück haben die Nachbar-Eltern viel Verständnis und mögen mein wildes, manchmal unbeherrschtes  Kind. Die Kinder untereinander regeln sowieso inzwischen vieles ziemlich gut.

Schokomüsli ist aufgegessen und Mama hilft mir beim Anziehen, ich will pünktlich sein, hatte aber was Spannenderes zu erledigen. Schule dauert mir zu lang, da muss ich immer so viel sitzen und Sachen machen, die die Lehrerin will, aber sie ist in Ordnung. Sie ist streng, doch sie mag mich, besonders wenn ich erzähle, was ich beobachtet habe. Im letzten Herbst haben wir Schnecken zugeschaut, wie sie über einen Strohhalm kriechen, das war lustig. Trotzdem hätte ich gerne öfters eine Auszeit und dann werde ich krank.

Heute spiele ich in der Pause Fangen mit den großen Mädchen und meinen Freunden, aber die Mädchen sind mehr. Einen Jungen habe ich geboxt, er wollte meine Freundin fangen. Mama hat Angst, dass ich keine Freunde mehr habe, wenn ich haue, aber ich vertrage mich immer wieder.

Es ist Schulschluss, Mama holt mich gleich ab, ich gehe zu meinem Psychologen. Eigentlich bin ich da gerne, aber noch lieber möchte ich jetzt gleich mit meinen Freunden Starwars mit Laser-Schwertern spielen. Ich finde Kämpfen am besten. Ich bin immer auf der dunklen Seite und vernichte alle. Natürlich bekommen sie dann ein neues Leben, sonst können wir ja nicht weiter spielen. Heute Abend möchte ich, dass Mama sich mit mir ins Bett kuschelt, so schlafe ich besser ein. Neulich habe ich von Glitzerschnee geträumt, bei dem ich mir etwas wünschen konnte.